Bulimie beeinträchtigt unsere Beziehung

#1
Hallo zusammen,

ich suche auf diesem Weg Rat, da Personen in meinem Umfeld selbst überfragt oder verständnislos sind.

Meine Lebensgefährtin und ich sind seit etwa 3½ Jahren zusammen, nach 4 Monaten recht schnell zusammengezogen und seit 1½ Jahren verlobt. Als sie mir nach ca. 6 Monaten gebeichtet hat was ich schon geahnt hatte, habe ich die Auswirkungen auf unser weiteres gemeinsames Leben unterschätzt.
Vor nun bald einem Jahr sind wir ins Haus ihrer Eltern gezogen, um die etwas im Alltag zu unterstützen - da ich beruflich viel unterwegs bin ist das für mich nicht so belastend wie einige jetzt sicher vermuten. Seitdem habe ich aber den Eindruck, dass die Bulimie schlimmer wird.

Kurz nachdem sie mir von der Bulimie erzählte, hat sie aus eigenem Willen (ohne dass ich das überhaupt vorgeschlagen hatte) auch eine stationäre Therapie mit anschließenden mehrwöchigen ambulanten Terminen gemacht. Anschließend war sie mehrere Monate wöchentlich bei einer Psychotherapeutin, allerdings verflüchtigten sich die Erfolge der vorherigen Therapie mit der Zeit mehr und mehr. Mangels Erfolg, wegen der Pandemie und auch aus finanziellen Gründen beendete sie die Therapie dann aber wieder und wollte mit der Unterstützung ihrer Familie und meiner selbst weiter daran arbeiten.
Um sie damit auch wirklich mit Erfolg unterstützen zu können, habe ich auch Gespräche mit den Ärzten und Therapeuten geführt und mir Tipps geben lassen. Als die drei wichtigsten Punkte wurden mir Verständnis, Zeit und Wertschätzung genannt, was ich seitdem versuche zu befolgen.
Wie ich bereits angesprochen habe, habe ich seit unserem Umzug den Eindruck die Bulimie sei schlimmer geworden als zuvor. Möglicherweise fällt es mir seitdem auch einfach nur mehr auf - immerhin ist unsere Wohnung im Elternhaus ein gutes Stück kleiner als unser vorheriges Haus.
Jedenfalls bemerke ich seit dem Umzug vermehrt, dass sich die Symptome häufen: sie übergibt sich öfter als zuvor (Schwangerschaft ausgeschlossen), nascht zuhause wirklich ständig, extreme Stimmungsschwankungen, sie beklagt sich mehr über ihre Haut (Pickel), ist übertrieben auf ihr Äußeres fokussiert (als wir uns kennenlernten so kaum), auch ihre Körperhaltung wirkt auf mich deutlich ungesünder und es gibt kaum einen Abend ohne Alkohol.
All diese Veränderungen belasten mich extrem, weil ich dadurch nur sehe wie sie sich selbst kaputt macht und ich ihr nicht helfen kann. Zusätzlich dazu ignorieren ihre Eltern sämtliche Tipps und fördern die Bulimie sogar unterbewusst mit sämtlichen Leckereien vom Bäcker o.ä. und mindestens einem Gläschem Wein oder Schnaps - abgesehen davon, dass Probleme in deren Familie nicht existieren wemn man nicht (niemals) drüber spricht. Immer wieder lügt sie mich wegen der Bulimie an, weshalb mein Vertrauen zu ihr immens gelitten hat.
Dieser Frust über meine Hilflosigkeit und die Gleichgültigkeit von ihr und ihrer Familie haben sich mittlerweile angestaut und ich frage mich, ob die Beziehung so überhaupt noch einen Sinn hat. Ich habe mit ihr schon mehrfach darüber gesprochen, aber wir verweilen immer in dem gleichen Trott und es ändert sich kein bisschen. Zwischendurch war ich sogar einige Tage bei meinem besten Freund, weil ich mit der Situation total überfordert bin.

Ich weiß aktuell einfach nicht mehr weiter. Einerseits möchte ich die Beziehung nicht aufgeben und darum kämpfen, andererseits hab ich mittlerweile einfach keine Kraft mehr und wirklich ernsthafte, stress- bzw. frustbedingte Magenbeschwerden.
Eine Zeit lang habe ich schon überlegt hier auszuziehen und alleine in eine Wohnung zu ziehen, bin aber zu dem Schluss gekommen dass dieser Abstand sowieso einer Trennung gleichkommen würde - sie stellt aktuell "Geld sparen durch mietfreies Wohnen im Elternhaus" über uns und würde definitiv nicht mit umziehen. Somit beschäftigt mich seitdem der Gedanke mich von ihr zu trennen, aber frage mich ob das nur ein extremes Tief in unserer Beziehung ist. Die Entscheidung zwischen Herz und Kopf ist nicht umsonst Stoff für Filme und Bücher...

Was denkt ihr darüber?

LG

p.s.: ich erwarte hiervon kein Allheilmittel, aber erhoffe mir einige objektive Meinungen und vielleicht sogar Erleuchtung wie ich mit der Bulimie umgehen kann.

Re: Bulimie beeinträchtigt unsere Beziehung

#2
Hallo ArnoNym,

erst einmal willkommen hier im Forum!

Deine Nachricht hat mich beim Lesen sehr berührt, es klingt nicht gerade nach einer einfachen Situation.

Das Verhältnis zu den eigenen Eltern ist oft sehr schwierig und belastend. Niemand, der von einer Essstörung betroffen ist, sucht sich das freiwillig aus, so etwas hat immer Gründe, die häufig zumindest teilweise in der Kindheit liegen, Das bedeutet nicht automatisch, das die Eltern schuld sind, etwas falsch gemacht haben oder pauschal schlechte Menschen sind. Der Kontakt kann trotzdem alte Wunden aufreißen, vor allem wenn sie noch nicht ausreichend verarbeitet und verheilt sind und das unter Umständen dann mit fatalen Folgen.

Bulimie ist schlecht für die Speiseröhre.
Alkohol ist schlecht für die Speiseröhre.
Beides in Kombination ist für den Körper ein Desaster.

So wie du es beschreibst muss die Situation SOFORT verändert werden, sonst lieben die Eltern sie noch zu Tode.
In den allermeisten Fällen bringt es nichts, Eltern oder festgefahrene Familienstrukturen verändern zu wollen.
Das System existiert so wie es ist oder es existiert gar nicht (wenn ich falsch liege kannst du immernoch positiv überrascht sein aber es ist cleverer, die Erwartungen möglichst flach zu halten).
Es kann gut sein, dass deine Freundin so tief e in ihrem Selbsthass steckt, dass sie keine gesunden Entscheidungen mehr treffen kann.
In dem Punkt kannst du ihr helfen, indem du einfach objektiv bleibst und auch deine eigenen Grenzen wahrst.
Mach dich bloß nicht zu einem Co-Abhängigen, das würde ihr vermutlich kurzfristig angenehmer vorkommen aber letztlich hilfst du ihr damit nicht.
Nicht vergessen, dass du es hier mit einer Person zu tun hast, die unter einer schweren psychischen Erkrankung leidet.
Das bedeutet nicht, dass du ihr pauschal misstrauen oder sie nicht ernst nehmen solltest aber wenn sie `mietfreies Wohnen bei den Eltern` über eure Beziehung und am Ende ja auch über ihr eigenes Leben stellt, dann klingt das nicht mehr gesund.

Du kannst ihr leider nur dann wirklich helfen, wenn sie es selbst auch möchte und bereit ist, deine Hilfe anzunehmen.
Was wäre, wenn du noch einmal ganz offen mit ihr redest, ihr auch sagst, wie du die Situation siehst und wie deine Gedanken (auch bezüglich der eigenen Wohnung/möglicher Trennung) sind? Und, ganz wichtig, auch wie deine Gefühle zu dem ganzen sind?
Manchmal kann es helfen, wenn man weiß, dass man geliebt wird und der andere sich nicht einfach aus dem Staub machen will sondern die Situation ja auch mit dir emotional was macht.

Was die Eltern betrifft:
Die müssen aufhören, sie mit Alkohol zu füttern.
Niemand hat an der Situation und der Erkrankung Schuld (hilft manchmal, das direkt so zu sagen) aber wenn das nicht reicht und sie zu verbohrt sind um Tipps anzunehmen, dann kannst du vielleicht einfach mal Tacheles mit denen reden und ihnen erklären, dass sie gerade dabei sind, ihr Töchterchen töten bzw, mindestens Beihilfe zum Suizid leisten...?

VG
Hirngespinst

Nachtrag: Eine Therapie ist schon echt wichtig. Es passt nicht jedes Therapieverfahren zu jedem Menschen und es passt auch nicht jeder Therapeut zu jedem Patienten. Wenn es einmal nicht geklappt hat, dann bedeutet das nichts, dass eine Therapie grundsätzlich nichts bringt. Es ist leider oft eine ziemlich zähe Sucherei nach einem passenden Therapieplatz, kann sich aber wirklich lohnen. Vielleicht auch einfach noch einmal bei der Krankenkasse anrufen und nachfragen welche Möglichkeiten es noch gibt?
CARPE THAT FUCKING DIEM